Grit Lemke: Kinder von Hoy

Liest man heute Hoyerswerda, denkt man vor allem an die rechtsextremen Pogrome der frühen 90er-Jahre. Zwischen dem 17. und dem 23. September 1991 gab es in Hoyerswerda diverse Angriffe auf Wohnheime von Vertragsarbeiter:innen u. a. aus Mosambik sowie auf Unterkünfte für Asylbewerber:innen. Diese Ausschreitungen waren Kulminationspunkt rassistischer Gewalt, die zuvor immer unter dem Radar der DDR-Führung stattgefunden hatte. Hoyerswerda wird noch heute in einem Atemzug mit anderen Städten genannt, in denen nach der Wiedervereinigung vor allem Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete mitunter tödlicher Gewalt ausgesetzt waren: Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen. Grit Lemke erzählt in Kinder von Hoy nicht nur von der Gewalt, sondern auch vom Aufwachsen in einer der Vorzeigestädte der DDR.

Mit der Eröffnung des Gaskombinats Schwarze Pumpe im Jahr 1955 beginnt Hoyerswerdas Erfolgsgeschichte. Ab 1957 werden bis Mitte der 80er-Jahre insgesamt zehn sogenannte „Wohnkomplexe“ (WK) in Plattenbauweise aus dem Boden gestampft. Die Bevölkerung wächst rasant, von etwas über 7000 unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf über 70.000 in den 80er-Jahren. Hoyerswerda gilt als kinderreichste Stadt der DDR. Viele sind glücklich, dort eine Wohnung und einen sicheren Job zu haben, man träumt von der Zukunft und dem Erfolg der sozialistischen Gesellschaft.

Vieles ist zwar ein dauerhaftes Provisorium, wie überall in der DDR, aber man weiß sich zu helfen, packt an, entwickelt effiziente Problemlösungsstrategien. Und überhaupt: Diversen Widrigkeiten des Alltagslebens wird im Kollektiv die Stirn geboten. In den Wohnkomplexen kennt man einander, die Erziehungsarbeit der Kinder wird ein bisschen von allen übernommen. Es sind die Frauen mit Kittelschürzen, die alles zusammenhalten, die Männer fahren schichtweise in die Pumpe, dreimal am Tag, Früh-, Mittel-, Spätschicht. Auch viele Mütter arbeiten.

Das Hochhaus ist jetzt unser Dorf. Zehn Stockwerke, drei Eingänge, davor ein Trafohäuschen mit Spielplatz und Äonen von Wäschestangen. Die Reihen der Wäscheleinen sind seit Generationen und auf ewig eingeteilt. Hunderte Augenpaare wachen darüber Tag und Nacht aus den Fenstern. In einer Stadt voller Schichtarbeiter ist immer jemand heeme.

Grit Lemke zieht mit ihrer Familie 1970 nach Hoyerswerda, damals ist sie fünf Jahre alt. Sie wächst auf zwischen den Plattenbauten WK I und WK X. Man geht zum Campen und Baden an den Knappensee, zur Ferienfreizeit nach Oppach. Man gönnt sich einen Bungalow in den neu entstehenden Kleingärten. Kinder von Hoy ist Oral History und die dominierende Wir-Erzählung immer wieder unterbrochen von individuellen Einschätzungen und Erinnerungen derer, die auch damals in Hoyerswerda leben. Es entsteht eine bereichernde Vielstimmigkeit, ein durchaus manchmal ambivalentes Mosaik aus Perspektiven. Schon früh kommt auch David zu Wort, der 1979 als Vertragsarbeiter aus Mosambik nach Hoyerswerda kommt.

In meiner Abteilung in Burghammer wir waren fünf Mosambikaner. Bei der Brigadefeier mussten wir an unserem Tisch allein sitzen. Die deutschen Kollegen haben sich auf die andere Seite gesetzt. Und es gab einige, die konnten nicht David sagen. „Ej du N*, komm her!“ Ich bin sowieso N*, das hat mich am Anfang nicht gestört. Aber dann hab ich versucht, mit ihnen zu reden: „Ich heiße David.“ Aber die haben weiter gesagt: „Komm her, du Kohle.“

Es entsteht eine kleine, subversive Kunst- und Kulturszene in Hoyerswerda, die von Gundermanns Liedermacherkunst bis zu anarchischem Dada-Nonsens alles ausprobiert. Politische Grabenkämpfe spielen dabei, jedenfalls laut Aussagen der am Buch Beteiligten, keine große Rolle. Man hat Spaß daran, Grenzen auszureizen und sie kreativ zu überschreiten, Spaß an der Provokation von Stasi und Konsorten, an den großen Umsturz des Systems denkt hier niemand. Als er sich dann zusammenbraut, als einige ihn im Sommer ’89 auf der Reise durch Ungarn schon erahnen können, als sie gefragt werden, wann sie denn weggehen aus der DDR (und überrascht sind, weil sie das nicht vorhatten), ist in Hoyerswerda niemand so richtig darauf vorbereitet. Die Revolution kommt verspätet dort an. Und sie reißt vieles mit sich. Die Schwarze Pumpe, Arbeitsplätze, Strukturen, Wohnhäuser und Perspektiven. Selbst der vom Tagebau beanspruchte Boden sackt immer wieder ab. Viele verlassen die Stadt, auf Nimmerwiedersehen.

Grit Lemke beschreibt, wie die rassistische Gewalt sukzessive ins Bewusstsein der „Hoyerswerdschen“ gelangt. Wie immer mehr Hakenkreuzschmierereien an den Wänden auftauchen. Wie die Farbe der Schnürsenkel plötzlich über die Seite entscheiden kann, auf der du stehst. Wie Menschen, die man früher kannte, in die rechtsextreme Szene driften. Den Ausschreitungen selbst stehen 1991 viele, die sich im Buch äußern, ohnmächtig gegenüber. Während Helikopter über der Stadt kreisen, sitzen sie im Kulturzentrum. Können nicht glauben oder wollen nicht glauben, was da gerade passiert. Wissen nicht, wie sie eingreifen sollen. Das haben sie mit der Polizei gemeinsam, die das Pogrom laufen lässt, tagelang. Am Ende ist klar, wer gehen muss. Nicht die Rechtsextremen, sondern die „Ausländer:innen“. Damit Ruhe ist.

Eine Woche, nachdem der kleene Alicke mit einem Stuhlbein in der Hand den Markt stürmte, werden die „Ausländer“ aus der Stadt gebracht. Man wird in Hoy noch Jahrzehnte später von „Ausländerkrawallen“ sprechen – als hätten jene, die sich in Todesangst verbarrikadieren mussten, Krawall gemacht. Der „Außenseiter“ ist das Problem. Zwanzig Jahre später wird es einem jungen Paar genauso ergehen. Nachdem sie sich offen gegen Nazis geäußert haben, werden sie massiv bedroht. Nazihorden dringen in ihr Haus ein und belagern die Wohnung. Die Behörden entscheiden, dass das Paar die Stadt verlassen muss. Es sei leichter, wenige Personen zu entfernen, als sich mit einer Mehrheit auseinanderzusetzen, wird der Polizeipräsident äußern.

Zu den Ausschreitungen sind nicht nur Nazis aus dem Umland angereist, sondern auch Autonome aus Berlin. Es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen, die von den Menschen aus Hoyerswerda nicht gutgeheißen werden, ganz gleich, aus welcher Richtung sie kommen. Was hatte man in Hoyerswerda mit dem Schwarzen Block zu tun? Wenig. Das erste Aufeinandertreffen verläuft, trotz gemeinsamer Ziele, nicht unfallfrei. Für manche wird es langfristig prägen, wie sie „Linke“ betrachten, für einige zu einer generellen apolitischen Protest- und Verweigerungshaltung führen. Dazu tragen auch Teile damaliger Berichterstattung bei, deren Tenor vor allem ist: In Hoyerswerda ist Hopfen und Malz verloren, alles frustrierte Wendeverlierer. So einfach ist es nicht. War es damals nicht, ist es heute nicht. Der Ärger darüber ist den Beteiligten noch immer anzumerken.

Die Demo kann nicht starten, weil die Berliner Veranstalter sich weigern, von der Polizei eskortiert zu werden. […] Hier, im Niemandsland zwischen F97 und WK IX, fangen die vermummten Besucher an, Pflastersteine aus dem Bürgersteig zu buddeln. Die Hoyerswerdschen werden unruhig. Der Bürgersteig ist nagelneu. Bir vor ein paar Tagen war hier noch eines der üblichen Betonplatten-Provisorien – rissig, geborsten und mit wulstigen Fugen, über die man stolperte, wenn der Teer nicht gerade am Schuh kleben blieb. Ein Bürgersteig ist hier immer noch ein eingelöstes Versprechen.

Kinder von Hoy gelingt es, teils mit Einsprengseln des typisch sächsischen Idioms, teils mit beispielhaften Szenen, die über sich selbst hinausweisen, Kindheit, Jugend und die Prägungen der Protagonist:innen verständlich und begreiflich zu machen. Es reproduziert keine DDR-Klischees, sondern erzählt vom Alltag, auch von seinen glücklichen Momenten. Es erzählt vom Zusammenbruch nicht nur eines Systems, sondern einer Welt mit all ihren identitätsstiftenden Bezugspunkten für alle, die darin aufgewachsen sind. Es erzählt von denen, die es heute in Hoyerswerda besser machen wollen und trotzdem, insbesondere, wenn es an die Pogrome der 90er-Jahre und eine notwendige Erinnerungskultur geht, gegen Wände laufen. (Empfehlenswert hierzu der Blog Pogrom91). Trotzdem geben sie nicht auf. 2021 ist eine Dokumentation zur Aufarbeitung erschienen (Hoyerswerda ’91 – eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung), an der auch Grit Lemke beteiligt war. Sie ist genauso lohnenswert wie Kinder von Hoy.

Grit Lemke: Kinder von Hoy. Suhrkamp nova. 255 Seiten. 16,00 €.

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1 Kommentar

  1. […] Versagen von Polizei und Behörden, die zu schützen, die den Schutz dringend gebraucht hätten. Hier habe ich einen ausführlicheren Beitrag zum Buch […]

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