Ling Ma: New York Ghost

Candace arbeitet im Vertrieb einer Firma, deren Aufgabe vor allem im Outsourcing von Produktion besteht. Sie kümmert sich um die Herstellung von Gebrauchsbibeln aller Art, mit und ohne Edelsteinbesatz, im Verbund mit einer praktischen Handtasche oder einem beschreibbaren Einband. Privat ist sie eigentlich an Kunst und Fotografie interessiert. Auf ihrem Blog New York Ghost teilt sie Eindrücke aus der Stadt. Eindrücke, von denen sie selbst sagt, sie seien eher mittelmäßige Reproduktionen gängiger New-York-Klischees.

Soweit die Situation vor dem „ENDE“. In der Erzählgegenwart ist New York geradezu entvölkert, die Infrastruktur zusammengebrochen und Candace mit einer Gruppe Überlebender auf dem Weg zu einer Anlage, in der sie sich wieder ein Leben aufbauen können. Diese von Anführer Bob gepriesene „Anlage“ entpuppt sich schließlich als verlassene Mall, deren Überfluss weitgehend bedeutungslos geworden ist. Die Ursache für „das ENDE“ liegt im sogenannten Shen-Fieber. Als Ling Mas Roman (im Original: „Severance“) 2018 erschien, konnte von Corona noch keine Rede sein. Homeoffice-Pflicht, KN95-Masken, Quarantäne und R-Wert waren noch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch übergangen, die Idee einer Pandemie solchen Ausmaßes nicht mehr als eine leise Warnung von Expert*innen, die es besser wussten.

Das Shen-Fieber allerdings verhält sich völlig anders als Covid-19. Es wird durch Pilzsporen übertragen und befällt innerhalb kürzester Zeit das Gehirn. Die Betroffenen verlieren das klare Bewusstsein und verfallen in eine automatisierte Repetition ihnen bekannter Handlungsabläufe. Sie werden zu „Fiebernden“, die mit leerem Blick scheinbar sinnlose Tätigkeiten ausführen und für ihre Umgebung blind geworden sind. Eine Heilung gibt es nicht.

Erinnerungen erzeugen Erinnerungen. Da das Shen-Fieber eine Erkrankung des Erinnerungsvermögens ist, sind die Fiebernden für immer in ihren Erinnerungen gefangen. Aber was ist der Unterschied zwischen den Fiebernden und uns? Ich erinnere mich ja auch, ich erinnere mich bestens. Meine Erinnerungen laufen spontan auf Wiederholung. Und unsere Tage setzen sich, wie ihre, in einer Endlosschleife fort. Wir fahren, wir schlafen, wir fahren weiter.

Vor dem Hintergrund dieses pandemischen Endzeitszenarios ist „New York Ghost“ ein kluger, gesellschafts- und konsumkritischer Roman, in dem weit mehr steckt als eine handelsübliche Apokalypse. Candace Arbeitgeber steht hier exemplarisch für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und klassisches Lohndumping. Die Produktionskosten zu drücken und Produktionen ins Ausland zu verlagern, ist ihre Hauptaufgabe. Insbesondere nach China gehen viele Aufträge – ironischerweise das Land, aus dem ihre Eltern einst in die Vereinigten Staaten kamen, um ihrer Tochter einmal ein besseres Leben zu ermöglichen. Als das Virus sich zunehmend verbreitet und die Flure sich leeren, fährt Candace bis zuletzt stoisch ins Büro, weil sie einen Vertrag unterschrieben hat. Als in China Dutzende Arbeiter*innen in den Fabriken am Virus erkrankt sind und die Produktion stillgelegt werden muss, fordert sie noch die Einhaltung der Absprachen. Selbst als die Stadtverwaltung große Teile ihrer Aufgaben nicht mehr übernehmen kann, meldet sie einen defekten Fahrstuhl im Gebäude.
Schließlich nimmt sie ihren Blog New York Ghost wieder in Betrieb und läuft tatsächlich wie ein Geist durch die Geisterstadt.

Ähnlich wie die „Fiebernden“ steckt Candace bis zu ihrer Flucht aus New York fest in einer gleichförmigen Routine, die von Leistung und Arbeit definiert ist, selbst wenn niemand mehr da ist, der die Leistung als solche anerkennt. Ihre Mutter hat ihr immer eingetrichtert, sie solle „zu etwas nutze sein“, sich „nützlich machen“, die Mühsal der Eltern nach ihrer Emigration sollen nicht umsonst gewesen sein. Sicherlich steckt darin auch eine internalisierte Wahrheit, die viele Menschen mit Migrationserfahrung kennen: immer gut und noch besser sein zu müssen als andere. Gefangen zu sein in Strukturen und Abläufen, ist nicht nur ein Problem der „Fiebernden“. Anders als Zombies allerdings sind die „Fiebernden“ nicht aggressiv gegenüber Gesunden, sie fallen zurück in basale Automatismen. Wer sich weshalb infiziert, ist unklar.

All diese Orte umgab etwas Spukhaftes. Während ich durch die Innenstadt zog, dachte ich an Robert Polidoris Fotos von Tschernobyl und von Prypjat, einer Geisterstadt, in der früher die Arbeiter des Atomkraftwerks gewohnt hatten.

Die Parallelhandlung der Reise über Land erzählt nicht die Geschichte der klassischen Schicksalsgemeinschaft, die angesichts der Katastrophe enger zusammenrückt; vielmehr bildet sich eine hierarchische Rangordnung heraus, die zulasten aller geht. „New York Ghost“ ist Dystopie, ist Familiengeschichte, im Rückblick erstaunlich hellsichtig und hervorragend geschrieben. Die Lektüre ist heute aber auch spannend an Stellen, die 2018 vermutlich anders gelesen wurden. So stellen etwa die Medien ab einem bestimmten Zeitpunkt die Berichterstattung über das Shen-Fieber ein, um eine Massenpanik zu verhindern. Die Zahl Erkrankter oder Verstorbener wird nicht mehr bekanntgegeben, es ist unmöglich für die Menschen, sich ein Bild der Lage zu machen. Nach 1 ½ Jahren Corona-Pandemie ist unvorstellbar, von solchen Informationen abgeschnitten zu sein.

Ling Ma: New York Ghost. Aus dem Englischen von Zoe Beck. Cultur Books. 360 Seiten. 23,00 €.

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