Vögel im Kopf: Betroffenenberichte

Im Zuge der Corona-Pandemie wurde zuletzt verstärkt über die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen debattiert. Vielfach wurde vor den Folgeschäden gewarnt, die Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen in den Seelen Heranwachsender verursachen könnten; sogar von überfüllten Kinder- und Jugendpsychiatrien war die Rede. Mag das für einzelne Psychiatrien zutreffen, ist der generelle Befund ganz unabhängig von Corona eindeutig: Die Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nimmt seit Jahren zu, die Versorgungslage ist – ähnlich wie bei erwachsenen Betroffenen – dringend verbesserungsbedürftig. Vielleicht kann die Pandemie ein Anstoß sein, bessere Konzepte zum Schutz und zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln, insbesondere, wenn sie aus gewalttätigen, missbräuchlichen Elternhäusern kommen. Und vielleicht ermöglicht dieser Befund auch eine Auseinandersetzung mit seinen gesellschaftlichen Ursachen, etwa Funktions- und Leistungsdruck, Selbstoptimierungsforderungen und die ständige Vergleichbarkeit durch soziale Medien.

Vögel im Kopf, eine Anthologie von Schirm e. V., dem Verein zur Förderung der Abteilung Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Tübingen, versammelt Texte betroffener Jugendlicher, Angehöriger und Mitarbeiter*innen der KJP. Die jeweiligen Aufenthalte in der Klinik liegen dabei ganz unterschiedlich lang zurück. Manche erinnern sich an einen Aufenthalt zwanzig Jahre zuvor, andere sind erst seit kürzerer Zeit entlassen und kämpfen sich zurück in ihren Alltag. Die Krankheitsbilder sind ganz unterschiedlich ausgeprägt und decken ein relativ breites Spektrum ab: Es geht um Depressionen, Essstörungen, Ängste, PTBS, Autismusspektrum-Störung oder Selbstverletzung. Die Betroffenen erzählen, wie sie ihren Aufenthalt und die Entwicklung ihrer Erkrankung erlebt haben, wo sie heute stehen, was sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben möchten. Manche Texte adressieren ganz bewusst Leser*innen, andere erlauben einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt von Menschen, die Halt und Hoffnung verloren haben; auch einige Zeichnungen sind enthalten.

Wenn die eine Welt schnell ist und groß, ist die andere langsam und klein (aber laut!). Es ist fast, als gäbe es Zeitrisse, als hätte die Klinik eine eigene Zeitzone, in der die Uhr nicht einfach versetzt läuft, sondern s o o o viel langsamer.

Wird das eigene Kind in die Psychiatrie gebracht, wirft das unzählige Fragen auf. Bei den meisten Eltern ist es die Frage nach der eigenen Schuld. Was habe ich falsch gemacht? Viele Angehörige kämpfen mit Gefühlen von Wut und Trauer, weil sie das Empfinden der Betroffenen nicht verstehen können, weil es ihnen unberechenbar erscheint. Gerade Geschwisterkinder müssen oft hinter die Bedürfnisse des erkrankten Bruders oder der erkrankten Schwester zurücktreten, Eltern mit der Stigmatisierung von außen leben, die Unbeteiligte hinter vorgehaltener Hand darüber spekulieren lässt, welchen Anteil die Familie wohl an der Erkrankung hat. Und klar: Familie ist ein hochsensibles Thema. Nicht selten schieben Eltern Fragen wie Was habe ich denn falsch gemacht? Du hast doch alles! eigentlich nur vor, um sich nicht tatsächlich mit eigenen Baustellen beschäftigen zu müssen. Für alle, Betroffene und Angehörige gleichermaßen, ist die Therapie ein Lernprozess. Manche*r verweigert sich dem. Und mit manchen Elternhäusern ist auch keine Verständigung mehr möglich.

Viele Jugendliche verbringen überraschend lange Zeit in der KJP, einige viele Monate, andere gar über ein Jahr oder länger. Die KJP wird zu einem zweiten Zuhause – bisweilen ein besseres als das auf dem Papier -, zu einem geschützten Raum. Ich habe selbst einen achtwöchigen Klinikaufenthalt hinter mir, allerdings in einer psychosomatischen Klinik und nicht mehr im Jugendalter. Eine Klinik ist, so beschreiben es auch viele Jugendliche in ihren Texten, eine zweite Welt, in der andere Regeln gelten. Es kann gut und förderlich sein, aus den Alltagsstrukturen herausgenommen zu sein, um überhaupt Raum zu schaffen für eine Betrachtung der eigenen Probleme. Menschen mit ähnlichen Gefühlen und Gedanken zu treffen, an einem Ort, an dem sie kein Stigma sind, kann viel bewirken. Umso schwieriger ist manchmal die Rückkehr in die “echte Welt”, in ein Außerhalb, das wieder ganz andere Anforderungen stellt. Von prägenden, negativen Psychiatrie-Erlebnissen ganz abgesehen, die im Nachhinein womöglich gesondert verarbeitet werden müssen.

Am nächsten Morgen kam ein Arzt von der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie und bat mich, mit ihm auf die Station 1 zu kommen. Eigentlich wollte ich nicht, aber ich wollte auch, dass mein Leben anders wird. Also ging ich mit. Dass ich dort eingeschlossen und isoliert werde, wurde mir verheimlicht. Mir wurde sogar gesagt, dass ich jederzeit Besuch haben könnte. In der KJP hatte ich immer das Gefühl, ausgeliefert zu sein, fremdbestimmt. Nicht mit mir, sondern gegen mich.

Besonders interessant sind auch die Texte, in denen die Missstände eines Systems thematisiert werden, das sich zwar die Entstigmatisierung auf die Fahnen schreibt, dieser Aufgabe aber nicht in allen Bereichen gerecht wird. Eine Betroffene erlebte etwa nach ihrer medizinischen Ausbildung eine massive Diskriminierung aufgrund ihrer Psychiatrie-Vergangenheit. Einigen scheint die Vorstellung unmöglich, dass die ohnehin fragilen Trennwände zwischen denen auf der einen und denen auf der anderen Seite auch durchbrochen werden könnten. Dass ein fünfzehn Jahre zurückliegender Psychiatrieaufenthalt jemanden nach absolvierter Ausbildung und mit entsprechender Befähigung nicht für die Arbeit in der Psychiatrie disqualifiziert. Aber auch außerhalb des Helfer*innensystems bleibt die Stigmatisierung bestehen und wird sichtbar als offene Beschimpfung (“Psycho!”) oder als Verweigerung eines (beruflichen) Weges, z. B. als die Absage eines FSJ aufgrund eines vorangegangenen Psychiatrieaufenthalts. Es gilt noch immer, vorsichtig zu sein, wo sich welche Information womöglich benachteiligend auswirken könnte. Menschen mit psychischen Erkrankungen gelten oft als potentiell schwierig und unzuverlässig, dabei braucht es für sie bisweilen nur vereinzelte Modifikationen, um “leistungsfähig” zu sein.

Es gibt eine ungeschriebene Regel, dass es sich gegenseitig ausschließt, psychisch krank (gewesen) zu sein und in einer Psychiatrie zu arbeiten – “aus ethischen und rechtlichen Gründen”, die auch auf Nachfrage nicht näher ausgeführt werden können (…). Die unbewiesene und offensichtlich rational nicht begründbare Regel führt auch dazu, dass im System der Psychiatrie tätige Menschen glauben, selbst gar nicht psychisch krank sein zu können – und wenn es sie doch selbst trifft, verleugnen und verstecken sie ihre eigenen Probleme.

Vögel im Kopf liefert einen vielschichtigen, multiperspektivischen Einblick in das Leben und Erleben psychisch erkrankter Menschen und denen, die mit ihnen auf die eine oder andere Weise verbunden sind. Es kann ganz sicher Jugendlichen helfen, sich in anderen wiederzuerkennen und Hoffnung zu schöpfen, dass es einen Weg gibt aus der Dunkelheit. Oder besser: dass es viele Wege gibt. Es muss nicht die Psychiatrie sein, die Wege sind ganz unterschiedlich. Nicht nur in ihrer Art und Beschaffenheit, sondern auch in ihrer Länge. Entscheidend ist, den richtigen für sich zu finden. Diese Anthologie ermöglicht, gerade, weil sie so verschiedene Beiträge versammelt, Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen ein Anker zu sein. Den Jugendlichen selbst, ihren Angehörigen, Menschen im gleichen Berufsfeld, Freunden, Bekannten – aber auch Interessierten, die bereit sind, sich mit dieser Erlebniswelt auseinanderzusetzen.

Hier stellt Herausgeberin Jessica Sänger das Buch in der SWR-Landesschau vor.

Bernd Gomeringer, Jessica Sänger, Ulrike Sünkel (Hrsg.): Vögel im Kopf, Hirzel Verlag, 320 Seiten, 24,00 €.

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